Älter als gedacht
Warum das Elektroauto schon über 100 Jahre alt ist
01. September 2026
Wer heute an Elektromobilität denkt, hat oft ein modernes Bild vor Augen: leise Motoren, digitale Anzeigen, Ladesäulen an der Autobahn. Dabei ist die Idee vom elektrisch angetriebenen Auto alles andere als neu. Schon lange bevor der Verbrennungsmotor die Straßen eroberte, fuhren Menschen elektrisch. Ein Blick zurück lohnt sich, denn die Geschichte des Elektroautos ist mindestens so spannend wie seine Zukunft.

Der erste Stromer rollt los
Bereits 1881 stellte der französische Physiker Gustave Trouvé in Paris ein dreirädriges Fahrzeug mit Elektromotor vor. Es erreichte gerade einmal zwölf Stundenkilometer, war damit aber der Startschuss für eine ganze Bewegung. Wenig später, 1888, baute Andreas Flocken in Deutschland ein vierrädriges Elektrofahrzeug, das dem heutigen Verständnis eines Automobils schon deutlich näherkam.
Die goldene Ära um 1900
Was viele überrascht: Um die Jahrhundertwende waren Elektroautos in den USA keine Randerscheinung, sondern echte Konkurrenz für Dampf und Benzin. In New York bestand die Taxiflotte zeitweise mehrheitlich aus elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Der Grund war einfach: Benziner mussten mühsam per Handkurbel gestartet werden, waren laut und stanken nach Abgasen. Elektrofahrzeuge dagegen sprangen sofort an, liefen ruhig und waren gerade in Städten sehr beliebt.
Auch Ferdinand Porsche spielte in dieser Zeit bereits eine wichtige Rolle. Im Jahr 1900 präsentierte er auf der Weltausstellung in Paris ein Elektroauto mit Radnabenmotoren und legte im selben Jahr mit dem sogenannten Mixte Wagen den Grundstein für das erste Hybridfahrzeug der Welt.
Reichweitenmäßig standen die frühen Elektroautos gar nicht so schlecht da.
Je nach Modell kamen sie auf 40 bis 130 Kilometer mit einer Ladung, bei einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 30 bis 35 Stundenkilometern. Für die Innenstadt reichte das völlig aus, ein ausgebautes Fernstraßennetz gab es zu dieser Zeit ohnehin noch nicht.
Spannend gelöst war auch das Thema Laden bei den New Yorker Elektrotaxis. Statt an der Ladesäule zu warten, fuhren die Fahrzeuge in eine eigene Werkstatt, wo die schweren Batteriepakete, teils mehrere hundert Kilogramm schwer, per Hydraulik komplett ausgetauscht wurden. In wenigen Minuten stand so ein frisch geladener Wagen wieder bereit, während die leere Batterie in Ruhe nachgeladen wurde. Ein cleveres System, das dem heutigen Prinzip von Batteriewechselstationen erstaunlich ähnlich ist.
Warum der Verbrenner das Rennen machte
Der Höhepunkt der ersten Elektroauto Welle war um 1912 erreicht. Danach kippte die Entwicklung. Mit der Erfindung des elektrischen Anlassers fiel der große Vorteil der Stromer gegenüber Benzinern weg, denn nun ließen sich auch Verbrenner ohne Kurbel starten. Gleichzeitig sorgten günstiges Erdöl, größere Reichweiten und Henry Fords Fließbandproduktion dafür, dass benzinbetriebene Fahrzeuge deutlich schneller und billiger herzustellen waren. Die Elektromobilität geriet für Jahrzehnte in eine Nische.
Ein Kreis schließt sich
Heute, gut hundert Jahre später, erlebt das Elektroauto seine zweite große Ära. Bessere Batterietechnik, mehr Reichweite und ein wachsendes Ladenetz haben aus der einstigen Nischentechnologie wieder eine echte Alternative für den Alltag gemacht. Immer mehr Menschen entscheiden sich inzwischen für ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug, egal ob als Erstwagen oder als Ergänzung zum Verbrenner.
Interessant ist dabei der Blick zurück: Vieles, was heute als Argument für das Elektroauto gilt, wurde schon vor über hundert Jahren geschätzt, allen voran der ruhige Antrieb und der unkomplizierte Start. Nur die Batterietechnik musste erst noch ein paar Jahrzehnte reifen. Ein Beweis dafür, dass gute Ideen manchmal einfach ihre Zeit brauchen, um sich am Ende doch durchzusetzen.
